Warum ein IronMan eine erstrebenswerte Anstrengung ist

Ich kann mittlerweile auf 10 Langdistanzen zurückblicken und da man als Amateur selten mehr als eine pro Jahr machen kann ist das schon eine sehr lange Zeit, weil es 1153_040668gleichbedeutend mit 10 Jahren ist. Man lernt bei jedem Rennen dazu und man lernt natürlich aus den Rennen in denen man weniger erfolgreich war im Endeffekt sogar mehr. Das bezieht sich natürlich zum einen auf das reine Renn-Procedere, Material, Taktik, Ernährung und so weiter. Aber zum anderen lernt man aber auch immer mehr über sich selbst. Was kann man sich zumuten und wo kneift man lieber? Ich meine das ganz Ernst. Bei den athletischen Dimensionen, die ein IronMan hat, ist es manchmal sogar besser ein Rennen nicht durchzuziehen anstatt es erzwingen zu wollen. Es kann sonst der Gesundheit absolut abträglich sein und man quält sich sonst monatelang oder länger mit den Folgen.

Mit der zunehmenden Routine ist natürlich auch ein wenig von der Mystik der frühen Jahre verschwunden, aber es ist immer noch ein gewaltiger, emotionaler Moment am Start zu stehen und ein paar Stunden später durchs Ziel zu laufen. Sogar wenn man nicht selber am Start ist, erfasst einen diese Magie. Auch (zum ersten Mal) als reiner Zuschauer war ich 2014 ganz ergriffen als sich 2500 Athleten für einen der härtesten Tage des Lebens ins Wasser gestürzt haben. 2500 Menschen voller Hoffnungen und Sehnsüchte, voller Träume und viele von ihnen im vollen Bewusstsein der Quälerei, die auf sie zukommt. Sie werden sich vielleicht fragen, ob es diesen Menschen nichts ausmacht. Doch. Sie werden kämpfen und sie werden leiden und jeder von Ihnen sehnt die Ziellinie herbei, aber die Belohnung so ein Ziel erreicht zu haben, ist einfach gigantisch.

Vor einigen Jahren noch war das ein Rätsel für mich. Manch einer faselte was von Endorphinen und Runners High, aber das spürt man bei all den Schmerzen im IronMan nicht mehr. Ich habe neulich in einem Buch über Hirnforschung die Erklärung für diesen Effekt gefunden. Es hat mit dem Botenstoff Dopamin zu tun. Wenn wir eine nahezu übermenschliche Anstrengung meistern ist das für uns ein unerwarteter Bewegungserfolg. Diese Erfolge haben eine starke Dopaminausschüttung im Gehirn zur Folge, die in uns dieses Glücksgefühl entstehen lässt. Gefolgt von einem Opioid-Schub, der den Wunsch nach Wiederholung erzeugt, was übrigens genau der gleiche Reiz-Wirkungsmechanismus wie Kokain-Genuss ist. Aber völlig legal! Insofern erzeugen wir uns also unsere eigene Glücksdroge in unserem Gehirn und Bewegung ist ein entscheidender Schlüssel dazu. Auf diesem Mechanismus fußt übrigens unsere gesamte Abenteuerlust, Forscherdrang und Wissensdurst. Egal ob es sich dabei um Bergsteigen, Polarforschung oder Basejumping handelt. Bei einigen Menschen wird ein Dopaminschub bereits über weniger gefährlich oder anstrengend errungene Erfolge (Wissenschaftler im Labor) erzeugt und bei andern ist die Reizschwelle höher und es muss ein Base-Jump im Wingsuit von einer 1000m Klippe sein. Das ist in unserer individuellen DNA festgelegt. Nur eines ist sicher, wer es nicht probiert, wird seine eigene Glücksquelle nie finden und wer sich nicht vom Sofa bewegt, sowieso nicht. Ganz wichtig dabei: Nur errungene und erkämpfte Erfolge machen süchtig! Wenn wir einen Erfolg zu leicht erringen und wir uns nicht anstrengen müssen, dann bleibt dieser Dopaminschub aus. Sich also extra besonders niedrige Ziele zu setzen um einen ungefährdeten Erfolg einfahren zu können bringt nichts! Es ist ziemlich schwer so einen Millionen Jahre alten Mechanismus auszutricksen.

Einen Iron Man gefinished zu haben ist eines der größten sportlichen Ziele, das man, vor allem als Amateur, erreichen kann. Keiner der professionellen Athleten schaut hier auf die Amateure herab, weil sie langsamer sind. Alle haben voreinander Respekt, weil der Kampf mit sich selbst für jeden gleich ist, egal ob man so schnell wie Jan Frodeno ist oder 15h bis ins Ziel braucht. Alle Sportler, die sich in ein solches Abenteuer stürzen, bilden eine Schicksalsgemeinschaft, denn während eines so langen Rennens kann alles Mögliche passieren und jeder hat zahllose Krisen zu überwinden bevor er die Ziellinie erreicht. Wer wirklich sehen will, was das bedeutet, soll einmal nach Roth zur Challenge gehen und sich den Zieleinlauf des letzten Finishers anschauen. Auch den härtesten Männern steht hier das Wasser in den Augen, wenn der Letzte von einem ganzen Stadion angefeuert und die ganze Szenerie nur durch zehntausende Wunderkerzen beleuchtet wird. Der letzte bei der Challenge (analog Iron Man) ist nicht der schlechteste von allen, sondern der, der am meisten und am längsten von allen gelitten und es dennoch durchgestanden hat ohne aufzugeben. Und davor haben alle anderen Respekt. In Roth und in vielen anderen Langdistanzrennen hängt der Sieger dem Letzten vor dem Zielschluss die Finishermedaille um. Der Sieger erweist also dem vermeintlich Schlechtesten seinen Respekt. Welche eine große, symbolträchtige, sportliche Geste und was für eine Botschaft steckt in ihr: Es geht bei diesem Sport nicht nur ums Gewinnen. Es geht ums Bestehen, um das sich Behaupten und sich zu überwinden. Es geht darum seinem Körper seinen unbedingten Willen aufzuzwingen. Es geht um Inhibition und maximale Impulskontrolle! Und jetzt stellen Sie sich mal die Menge an Dopamin vor, die bei so jemandem, der als letzter in Ziel kommt und damit vielleicht schon gar nicht mehr gerechnet hat, ausgeschüttet wird. Der badet geradezu darin.

Neben den sportlichen Errungenschaften, die es mit sich gebracht hat sind bei mir noch ein paar ganz andere Effekte eingetreten:

  • Ich habe meine Figur wiedergefunden, die ich als junger Mann hatte, weil ich ca 25kg abgenommen habe
  • Ich habe extrem viel Energie für mein Leben und strahle das auch aus
  • Ich ernähre mich gesünder, bewusster und genieße Alkohol nur noch selten und in kleinen Mengen.
  • Sämtliche Gesundheitswerte, das kann mein Arzt ohne Einschränkung bestätigen, sind, trotzdem ich mittlerweile älter bin, wesentlich besser als früher.
  • Ich lebe zielbewusster und genieße trotzdem mehr. Man muss kein Asket und Kostverächter sein!

Aber alleine das Überstehen einer, für Nichtsportler, übermenschlich erscheinenden Anstrengung, hält noch einen ganz anderen Aspekt für uns bereit. Während eines solchen Rennens, insbesondere auf den letzten Kilometern, wenn die Schmerzen einen zu überwältigen drohen und der Schweinehund immer nebenher läuft, hat man zahllose Krisen und gefühlte Katastrophen zu überstehen. Im Ziel jedoch und erst recht ein paar Tage danach, wenn man alles aus Distanz und Ruhe betrachten kann, gibt einem das ein gewisses Unbesiegbarkeitsgefühl. Solche Schwierigkeiten meistern zu können ist eine mentale Leistung, die ein unglaubliches Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten in uns erzeugt. Es erzeugt in uns das Gefühl Zweifel, Schwächen, mentale und physische Krisen überwinden zu können und sich gegen enorme Schwierigkeiten durchsetzen zu können. Es schärft in uns die Zielfokussierung und die Entschlossenheit etwas durchzuziehen. Und wenn man das erreicht, dann macht es uns in letzter Konsequenz frei, unabhängig und selbstbestimmt. Denn was bitte schön soll einen Menschen, der das aushält denn noch aufhalten? Das sind wirklich große Worte. Ich will kurz erklären, was ich damit meine: Freiheit beginnt im Kopf.

In unserem modernen Leben kommt die eigene Körpererfahrung, insbesondere die Grenzerfahrung, immer seltener vor. Und wenn dann leider oft nur in lebensbedrohlichen Situationen. Alles ist weich, mild, genau auf unsere Bedürfnisse abgestimmt und oftmals so angenehm wie möglich (dass sich das nur so anfühlt und eigentlich ein Trugschluss ist, führe ich mal woanders aus). Wenn es kalt ist heizen wir und ziehen uns dicke Sachen an, aber wir frieren nicht mehr wirklich. Wenn es zu warm ist, gehen wir in den Schatten oder kühlen Räume mit Klima-Anlagen. Man muss kaum Widerstände überwinden. Alles ist da und bereit und einem irgendwie wohlgesonnen. Ich beziehe mich da ausdrücklich auf Deutschland und auch wenn mir wohl bewusst ist, dass es unter uns auch sehr arme Menschen gibt, die das nicht so erleben, bedeutet es doch für mehr als 90% von uns ein relativ sorgloses Leben. Jedenfalls verglichen mit dem Leben, dass unsere Vorfahren in den Wäldern vor 50.000 Jahren führen mussten. Wir machen uns das Leben selbst so angenehm wie möglich. Das ist menschlich und verständlich, wer macht es sich schon gerne unbequem. Aber, und das ist der Nachteil daran, damit geht zweifellos ein Teil unserer Selbstwahrnehmung verloren. Denn das Unangenehme gehört auch zum Leben. Sonst könnte man es vom Angenehmen nicht mehr unterscheiden. Das eine bedingt das andere. Man kann das eine nicht als solches wahrnehmen, wenn man das andere nie erfahren hat. Und weil das eine mit dem anderen in uns so untrennbar verbunden ist, fühlt man sich mit einem Wort gesagt, lebendig.

Unser Körper ist für ein solches Krisenmanagement bestens ausgestattet. Seit tausenden von Jahren schon. Diese Fähigkeiten schlummern in uns, liegen brach und können extrem gegenteilige Wirkungen entfalten, wenn wir sie nicht nutzen (auch darüber mehr an anderer Stelle s. Ernährung). Sich in einer friedlichen und ungefährlichen Situation, die ein IM ja auch ist, gegen Schmerzen, Erschöpfung und Verausgabung durchzusetzen lehrt uns genau diese Fähigkeit: Schwierigkeiten nur per Kraft des Willens überwinden zu können. Und wenn man das kann, ist man dann nicht wirklich frei und unabhängig? Wovor soll man dann noch Angst haben? Hat man dann nicht die Fähigkeit erlernt sich über die eigenen wahrgenommenen Grenzen hinwegzusetzen und selbst vollkommen über sich zu entscheiden? Ist man nicht dann erst ein kompletter Mensch, wenn man das volle Spektrum aller Wahrnehmungen erforscht hat? Nein, ich mache es nicht zur Bedingung, aber sicherlich hilft es enorm. Ich will das jetzt auch nicht zur ultimativen Heilslehre erhöhen, aber es ist eine Reise ins Innerste, in den Kern unserer Existenz. Nicht umsonst heißt es: If you want to change your life, make an IronMan!

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