Leben im 21. Jahrhundert

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Sitzen ist das neue Rauchen! Das ist der Titel eines Buches von Kelly Starrett und Glen Cordoza. Tenor: Viele haben mittlerweile das Rauchen aufgegeben, auch weil es sozial immer mehr geächtet wird, aber dafür sitzen die Leute immer mehr und manchmal auch falsch und bekommen davon vor allem Haltungsprobleme. Darauf will ich aber gar nicht hinaus.

Es sind oft noch ganz andere Probleme, die durch Sitzen verursacht werden. Es fängt mit einer schlechten Verdauung und Darmträgheit an. Klar wenn der Körper über weite Strecken des Tages sitzt, dann kann die Schwerkraft die Transportbewegung des Darmes (Peristaltik) nicht so richtig unterstützen. Folge: das Essen liegt länger im Darm rum und es können mehr Teile besser verwertet werden.

Was ja eigentlich gut klingt ist aber ein großes Problem. Wenn nämlich ein größerer Teil der Nahrung besser verwertet wird, dann wird eine größere Menge Energie daraus gewonnen – aber wohin damit, wenn man nur den ganzen Tag am Schreibtisch oder auf der Couch sitzt? Da der menschliche Körper sich über Jahrmillionen ein gesundes Krisenmanagement angeeignet hat, beginnt er ganz rational die einzelnen Stoffe zu verteilen: Zucker direkt ins Blut, längere Kohlehydrate zur weiteren Verwendung in die Leber und Fett verteilen wir mal für schlechte Zeiten in allen möglichen Ecken und Organen. Wer weiß wann man es braucht. Eiweiß? Brauchen wir nicht, war heute kein Bedarf. Und was machen wir mit dem Zucker, den wir nicht direkt verwerten können? Speichern natürlich! Was in der Steinzeit ein sinnvoller und oft sogar überlebensnotwendiger Mechanismus war, weil dort zu jeder Zeit Mangelsituationen auftreten konnten, ist heute bei der allgegenwärtigen Verfügbarkeit aller möglichen Nahrungsmittel im totalen Überfluss ein echter Fluch.

Der Körper steuert nämlich auch unseren Appetit auf bestimmte Sachen und daher werden wir aufgrund von Bewegungsmangel auch immer mehr so essen, dass es wirklich nur für das nötigste an Bewegung reicht und der Rest wird entweder eingelagert (für schlechte Zeiten) oder ausgeschieden.

Dazu kommt natürlich auch, dass wir aufgrund unseres Überflusses unsere Essengewohnheiten eher nach unserem Geschmack als nach unserem Bedarf ausrichten. Und das Geschmacksempfinden/Appetit wird wieder von dem Verbrauchsverhalten gesteuert und so weiter. Und das wiederum beeinflusst die Zusammensetzung der Speisen (Eiweiß, Kohlehydrate, Fett, etc.). Merken Sie das? Das ist ein Teufelskreis. Und viele finden genau daraus nicht mehr heraus. Ich will hier keine Teufel an die Wand malen, aber Diabetes Typ II und das metabolische Syndrom sind die extremsten Auswirkungen dieses Teufelskreises. Diabetes II (also der Diabetes, der nicht genetisch veranlagt ist!) wird von der WHO schon 2004 als die am schnellsten wachsende, nichtansteckende Krankheit der Welt bezeichnet . Die Zahlen dazu sind wahrhaftig alarmierend! Kurzum: Die meisten von uns bewegen sich zu wenig, essen zu viel und essen und trinken auch oft das Falsche. fs0604g

Darüber hinaus kommen weitere Faktoren, die unser Leben prägen. Alle sind immer im Stress. Das Adrenalin wabert nur so durch unser Blut und wir können es gar nicht mehr richtig abbauen. Wir können nicht richtig schlafen, weil uns die Erinnerung an das Geschehene des Tages manchmal einfach keine Ruhe lässt bzw. weil wir Probleme wälzen und nicht zur Ruhe kommen können. Manche kommen gar nicht mehr zur Erholung und erleiden infolgedessen einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Oftmals weil der Körper das Entspannen komplett verlernt hat. Lassen Sie sich mal durch Kopf gehen was am Vortag/Vorabend war, wenn sie mal wieder schlecht geschlafen haben: Bis zum Einschlafen vor dem Rechner gesessen? Gesurft, gearbeitet, gepostet? Oder vor dem Fernseher? Oder vielleicht gezockt? Der Kopf ist voll mit Bildern und Reizen, wie soll unser Steinzeithirn da wissen, dass Nacht ist und dass es jetzt schlafen soll? Warum sage ich Steinzeithirn, wo wir heute doch Computer bedienen und viel mehr wissen, als die damaligen Menschen? Weil ein paar tausend Jahre im Kontext der Evolution nichts sind, im Vergleich zu den Millionen von Jahren in denen das menschliche Hirn entstanden ist. Das meiste in uns ist schon sehr alt und nur eine ganz dünne Schicht Zivilisation ist darüber. Kann man in jedem Krieg und in jeder Katastrophe beobachten.

Und das mit dem Wissen? Ich bin mir nicht so sicher ob wir wirklich mehr wissen als unsere Vorfahren. Zumindest wenn man das gesamte aktuelle und aktive Wissen der Menschheit über alle Menschen normalisiert und dann auf das Individuum zurück rechnet. Wir wissen andere Dinge, aber mehr? Wissen Sie wie man einen Bogen baut? So ohne Säge, Messer und Werkzeug? Wie man das richtige Holz dafür aussucht, eine Sehne daran bindet und mit welchen Steinen man Speerspitzen macht und wie das geht? Wissen Sie welche Pflanzen, Pilze und Gräser man essen kann da draußen und welche man lieber nicht anfasst, wie man ein Tier so tötet, dass man alles davon verwerten kann und wie man aus der Haut des Tieres Kleidung macht, ohne darin nach Beute für die Geier zu riechen? Wie man sich in freier Wildbahn orientiert und wie man die Spuren der Beute erkennt und über Tage hinweg verfolgen kann?

Das ist alles Wissen, das wir verloren haben, weil wir es nicht mehr brauchen. Aber wir sollten uns davor hüten die steinzeitlichen Jäger als dumm und unwissend einzustufen. Sie hatten all das Wissen, das nötig ist, um in einer maximal feindlichen Natur zu überleben und vielleicht noch ein bisschen mehr. Und sie haben überlebt und sich angepasst, sonst wären wir nicht hier. Wir wären in ihrer Welt genauso verloren, wie sie in unserer. Der heutige Mensch ist wahrscheinlich nur so intelligent (oder was wir als solches bezeichnen), weil das Leben den Leuten vielfältige Aufgaben gestellt hat und sie Lösungen finden mussten oder eben untergingen.

Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die den steinzeitlichen Jäger und Sammler rein physisch gesehen für die am besten entwickelte und angepasste Form des Menschen halten. Diese Menschen waren in etwa so groß wie der Durchschnitt heute, sie waren etwa so trainiert (wenn auch nicht so spezialisiert) wie heutige Profisportler, weil sie jeden Tag während der Nahrungssuche viele Kilometer zurücklegten. Sie wurden vermutlich über 60 Jahre alt und sie waren selten krank. Sie lebten in kleinen recht isolierten Familienverbänden und von daher von Infektionskrankheiten nicht sonderlich bedroht.

Wenn sie allerdings mal eine ausgewachsene Infektion hatten, dann waren die Überlebenschancen nicht besonders gut aufgrund der mangelnden Hygiene, fehlender Abwehrkräfte des Immunsystems gegen unbekannte Keime, schlechte Wundversorgung und dem Fehlen richtiger Medikamente. Und die, die das alles überlebt haben sind unsere Vorfahren! Durch die natürliche und gesunde Ernährung haben sie in wesentlichem Masse unser genetisches Erbe mitbestimmt und das bestimmt nicht, weil sie schwach, kränklich und dumm waren! Sie waren einfallsreich, wenn es schwierig, vorsichtig, wenn es gefährlich wurde und mutig wenn es notwendig war. Sie waren sozial und verantwortungsvoll, weil sie in der Familie alles teilen mussten und jeder wusste was er am besten zur Gemeinschaft beitragen konnte. Es gab eine Rangfolge innerhalb dieser Familienverbände und es waren nicht immer die Männer, die eine Sippe anführten! Und das ohne, dass Ihre Sprache besonders entwickelt war.

Um ehrlich zu sein, glaube ich persönlich, dass wir ihnen in punkto Charaktereigenschaften wie Empathie und soziales Verantwortungsbewusstsein vielleicht nicht viel entgegen zu setzen hätten. Sonst hätten die Familien in einer solchen Umwelt und ohne große sprachliche Fähigkeiten nicht überleben können. Man musste fühlen können was im anderen vor sich geht oder es an körpersprachlichen Signalen ablesen können. Können wir das heute noch in der gleichen Weise? Ich bezweifle es.

Warum habe ich das so lange ausgeführt? Ich glaube wir haben von damals noch eine ganz gute Portion in uns – Gutes und auch Schlechtes! Und ich denke wir sollten das Gute davon auch nutzen um in die Zukunft zu gehen. Ganz verkehrt waren diese Dinge, die sich über Jahrmillionen entwickelt haben, sicher nicht. Ich denke die Evolution hat auf dem Weg in die Gegenwart viele Wege ausprobiert und nur die wirklich erfolgreichen sind im Heute angekommen. Das ist eine Botschaft, die wir nicht überhören sollten, ohne dass ich jetzt eine darwinistische Paläo-Gesellschaft heraufbeschwören will, die ein Recht des Stärkeren verficht (Darwin meinte übrigens die Anpassungsfähigsten, nicht die Stärksten!). Auch die damit verbundene Ernährungsphilosophie halte ich heute, außer für ein paar Naturvölker, nicht mehr für umsetzbar. Dafür ist unsere Umwelt auch einfach schon zu „verseucht“!

Was aber absolut sicher ist, ist die Tatsache, dass jede Form der Nahrung nicht nur Energielieferant ist, sondern dass unser Körper daraus Informationen gewinnt. Jede Form der Nahrung sendet dem Körper Signale und er reagiert darauf. Zu viele falsche Signale über eine zu lange Zeit und unser Körper wird an den typischen Zivilisationskrankheiten des Stoffwechsels erkranken, die viele von uns plagen.

Und noch ein wichtiger Aspekt unseres Lebens im 21. Jahrhundert: Der Schlaf. Die gesamte Stimulation unserer Sinne mit allen möglichen audiovisuellen Reizen kann interessant und erhellend, entspannend sein, aber auch eine enorme Belastung für unseren Geist und unseren Körper bedeuten. Die überfüllten Yoga-Kurse und sowie viele andere Entspannungstechniken sprechen eine deutliche Sprache. Wir werden von einem medialen Tsunami überrollt und glauben Sie mir: das wird nicht besser in den kommenden Jahren. Und wie ich es schon an anderer Stelle geschrieben habe, wir können das nicht aufhalten, aber wir können immerhin bestimmen wie wir damit umgehen!

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